Vermögen, Werte und Vermächtnis
F7.
Vermögensübertragungen betreffen nicht nur Zahlen, sondern auch Identität und Erwartungen. Wie kann die Verhaltenswissenschaft Familien helfen, diese Dynamiken besser zu steuern?
Die Weitergabe von Vermögen ist selten nur finanziell. Sie wirft Fragen von Identität, Gerechtigkeit und Kontrolle auf. Familienmitglieder verbinden mit Geld oft unterschiedliche Bedeutungen, geprägt durch ihre eigenen Erfahrungen. Vermögensschaffende sehen ihr Kapital häufig durch die Linse von Risiko und Anstrengung, während Erbende den Besitz abstrakter wahrnehmen. Dadurch entstehen zwischen den Generationen unterschiedliche Perspektiven. Die Verhaltenswissenschaft empfiehlt, diese Unterschiede frühzeitig und strukturiert zu besprechen, bevor Emotionen oder Missverständnisse verhärten. Gespräche über Werte, Intentionen und Sorgen in ruhigen Momenten schaffen ein gemeinsames Verständnis. Oft hilft es, hypothetische Szenarien zu diskutieren, statt konkrete Entscheidungen in Stresssituationen zu verhandeln. Ein stufenweiser Übergang von Verantwortung kann ebenfalls sinnvoll sein: Wenn Erbende Schritt für Schritt Verantwortung übernehmen, entwickeln sie eigene Entscheidungsfähigkeiten und ein reiferes Verhältnis zum Vermögen. Das Ziel ist nicht, die Denkweise der älteren Generation aufzuzwingen, sondern einen Rahmen zu schaffen, in dem die nächste Generation ihr eigenes, reflektiertes Verhältnis zu Vermögen entwickeln kann – geprägt durch, aber nicht gefangen in den Werten der Vorgänger.
F8.
Zum Schluss: Was hat Sie ursprünglich zur Verhaltenswissenschaft geführt – und was fasziniert Sie bis heute daran?
Mich hat immer interessiert, wie individuelle Entscheidungen Märkte und Gesellschaft prägen. Die traditionelle Ökonomie konnte vieles, was ich in Strategiemeetings und politischen Prozessen beobachtete, nicht erklären – die Verhaltenswissenschaft hingegen schon.
Sie zeigt, dass unsere Abkürzungen und Emotionen keine Fehler sind, sondern vorhersehbare Merkmale menschlicher Kognition. Wer sie versteht, kann bessere Entscheidungsumgebungen gestalten. Als Chief Behavioural Officer sehe ich täglich, wie stark Organisationen davon profitieren, wenn sie erkennen: Gute Entscheidungen hängen nicht nur von klugen Köpfen ab, sondern von gut gestalteten Prozessen. Wenn Strukturen mit und nicht gegen die menschliche Natur arbeiten, verändern sich Resultate spürbar. Der menschliche Geist bleibt faszinierend – nicht trotz, sondern wegen seiner Abweichung von reiner Rationalität. Wer seine Funktionsweise versteht, kann bessere Ergebnisse schaffen – in der Geldanlage, in der Strategie oder in der Politik.