Bessere Entscheidungen gestalten
Bessere Entscheidungen gestalten
F4.
Sie sprechen oft von „Choice Architecture“, also der Gestaltung von Entscheidungsumgebungen. Wie sieht das im Anlagekontext aus?
Der Psychologe Kurt Lewin brachte es auf den Punkt: Verhalten entsteht aus dem Zusammenspiel von Person und Umwelt. Darauf bauen Richard Thaler und Cass Sunstein mit ihrem Konzept der Choice Architecture auf. Menschen entscheiden nie im luftleeren Raum – die Art, wie Optionen präsentiert werden, beeinflusst das Ergebnis. Es gibt also keine neutrale Entscheidungsumgebung; jede hat eine Struktur: bewusst gestaltet oder zufällig entstanden. Im Finanzbereich hilft gute Choice Architecture, klarere und konsistentere Anlageentscheide zu treffen.
Beispiele dafür sind:
- Zeitliche Struktur: Trennung von langfristiger Allokation und kurzfristigen Liquiditätsentscheiden.
- Informationsaufbereitung: Darstellung der Performance im Kontext langfristiger Ziele statt täglicher Marktschwankungen.
- Entscheidungsprotokolle: Vorab definieren, welche Signale Handlungsbedarf auslösen und welche ignoriert werden können.
- Vergleichsrahmen: Orientierung an relevanten Peers oder persönlichen Zielen statt an breiten Indizes.
- Szenarienplanung: „Was-wäre-wenn“-Übungen in ruhigen Zeiten, um auf Volatilität vorbereitet zu sein.
Diese Prinzipien gelten auch für Familiengovernance und Gruppenentscheide – Themen, die wir in unserem Harvard Business Review-Artikel über bessere Gruppenentscheidungen vertieft haben. Ziel ist nicht, die Autonomie der Anleger einzuschränken, sondern Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen langfristige Werte und kurzfristige Handlungen besser miteinander harmonieren.
F5.
Wie können verhaltenswissenschaftliche Erkenntnisse helfen, Informationsüberflutung zu bewältigen und nicht auf Marktgeräusche zu reagieren?
Heute sind Anleger einer Informationsflut ausgesetzt. Vieles davon lenkt eher ab, als dass es nützt. Forschungen von Kahneman, Sunstein und Sibony zeigen, dass zu viel Information die Urteilsqualität senken kann, weil sie die Variabilität der Einschätzungen erhöht. Ein Teil des Problems ist unser natürlicher Drang, Ereignissen Sinn zu geben. Wenn Märkte sich bewegen, suchen wir sofort nach Erklärungen, auch wenn diese wenig Aussagekraft haben. Die Arbeiten von Philip Tetlock zeigen zudem, dass selbst Experten kaum zuverlässige Prognosen liefern, auch wenn sie überzeugt klingen.
Verhaltenswissenschaftlich lassen sich mehrere Strategien ableiten:
- Signale von Lärm trennen: Nur Informationen berücksichtigen, die die eigene Anlagethese oder persönliche Situation wirklich verändern.
- Weniger oft prüfen: Wer das Portfolio seltener kontrolliert, bleibt langfristig disziplinierter.
- Vordefinierte Regeln nutzen: Handlungen sollten an klare Kriterien geknüpft sein, nicht an Emotionen.
- Eine vertrauenswürdige Gegenstimme einbeziehen: Eine zweite Meinung hilft, Annahmen zu hinterfragen und Denkfehler zu vermeiden.
Ziel ist also nicht, Information zu vermeiden, sondern bewusst zu steuern, wann und wie wir uns mit ihr auseinandersetzen, damit die langfristigen Ziele im Fokus bleiben.
F6.
Wie hilft ein klarer Entscheidungsrahmen, Disziplin in emotionalen oder unruhigen Marktphasen zu bewahren?
Disziplin wird oft mit Willenskraft verwechselt. In Wahrheit zeigen Studien zur Selbstkontrolle, dass „disziplinierte“ Menschen sich meist so strukturieren, dass sie weniger Versuchungen ausgesetzt sind. Das gilt auch fürs Investieren. Ein Entscheidungsrahmen soll nicht den Markt vorhersagen, sondern festlegen, wie Entscheidungen getroffen werden. Sein Wert liegt in Klarheit und Konsistenz. Er muss praktisch sein - konkret genug, um Handlungen zu leiten, aber flexibel genug, um sich an verschiedene Bedingungen anzupassen. So kann man etwa festlegen, nur dann umzuschichten, wenn Allokationen eine definierte Bandbreite überschreiten, oder Strategien in festen Abständen zu überprüfen, statt auf jede Marktbewegung zu reagieren. Disziplin bedeutet somit weniger, Impulsen zu widerstehen, sondern Entscheidungsprozesse so zu gestalten, dass langfristig sinnvolles Verhalten zum Standard wird.
F7.
Vermögensübertragungen betreffen nicht nur Zahlen, sondern auch Identität und Erwartungen. Wie kann die Verhaltenswissenschaft Familien helfen, diese Dynamiken besser zu steuern?
Die Weitergabe von Vermögen ist selten nur finanziell. Sie wirft Fragen von Identität, Gerechtigkeit und Kontrolle auf. Familienmitglieder verbinden mit Geld oft unterschiedliche Bedeutungen, geprägt durch ihre eigenen Erfahrungen. Vermögensschaffende sehen ihr Kapital häufig durch die Linse von Risiko und Anstrengung, während Erbende den Besitz abstrakter wahrnehmen. Dadurch entstehen zwischen den Generationen unterschiedliche Perspektiven. Die Verhaltenswissenschaft empfiehlt, diese Unterschiede frühzeitig und strukturiert zu besprechen, bevor Emotionen oder Missverständnisse verhärten. Gespräche über Werte, Intentionen und Sorgen in ruhigen Momenten schaffen ein gemeinsames Verständnis. Oft hilft es, hypothetische Szenarien zu diskutieren, statt konkrete Entscheidungen in Stresssituationen zu verhandeln. Ein stufenweiser Übergang von Verantwortung kann ebenfalls sinnvoll sein: Wenn Erbende Schritt für Schritt Verantwortung übernehmen, entwickeln sie eigene Entscheidungsfähigkeiten und ein reiferes Verhältnis zum Vermögen. Das Ziel ist nicht, die Denkweise der älteren Generation aufzuzwingen, sondern einen Rahmen zu schaffen, in dem die nächste Generation ihr eigenes, reflektiertes Verhältnis zu Vermögen entwickeln kann – geprägt durch, aber nicht gefangen in den Werten der Vorgänger.
F8.
Zum Schluss: Was hat Sie ursprünglich zur Verhaltenswissenschaft geführt – und was fasziniert Sie bis heute daran?
Mich hat immer interessiert, wie individuelle Entscheidungen Märkte und Gesellschaft prägen. Die traditionelle Ökonomie konnte vieles, was ich in Strategiemeetings und politischen Prozessen beobachtete, nicht erklären – die Verhaltenswissenschaft hingegen schon.
Sie zeigt, dass unsere Abkürzungen und Emotionen keine Fehler sind, sondern vorhersehbare Merkmale menschlicher Kognition. Wer sie versteht, kann bessere Entscheidungsumgebungen gestalten. Als Chief Behavioural Officer sehe ich täglich, wie stark Organisationen davon profitieren, wenn sie erkennen: Gute Entscheidungen hängen nicht nur von klugen Köpfen ab, sondern von gut gestalteten Prozessen. Wenn Strukturen mit und nicht gegen die menschliche Natur arbeiten, verändern sich Resultate spürbar. Der menschliche Geist bleibt faszinierend – nicht trotz, sondern wegen seiner Abweichung von reiner Rationalität. Wer seine Funktionsweise versteht, kann bessere Ergebnisse schaffen – in der Geldanlage, in der Strategie oder in der Politik.