Der Kopf hinter den Märkten
Der Kopf hinter den Märkten
Torben Emmerling
Torben Emmerling ist Gründer und Managing Partner von Affective Advisory, Chief Behavioural Officer und Autor des D.R.I.V.E.®-Frameworks für verhaltenswissenschaftliche Erkenntnisse in Strategie und Public Policy. Er ist Gründungsmitglied und Non-Executive Director im Verwaltungsrat der Global Association of Applied Behavioural Scientists (GAABS), Vorstandsmitglied der Behavioural Insights for better Politics and Societies Initiative (BIPS), erfahrener Dozent an der ETH Zürich und der Universität St. Gallen, Keynote-Speaker sowie Autor von Beiträgen in Harvard Business Review und OECD-Publikationen zu Themen der Verhaltenswissenschaft, Entscheidungsforschung und Konsumentenpsychologie.

F1.
Die Verhaltenswissenschaft zeigt, dass ein grosser Teil unseres Verhaltens unbewusst stattfindet. Was sagt das über die Art und Weise aus, wie Menschen finanzielle oder strategische Entscheidungen treffen?
Forschungsergebnisse zeigen, dass viele unserer finanziellen Entscheidungen unterhalb der bewussten Wahrnehmung getroffen werden. Der Nobelpreisträger Herbert Simon prägte den Begriff der begrenzten Rationalität – die Erkenntnis, dass wir nicht alle Entscheidungen durch perfekte Analyse optimieren können, weil uns schlicht die kognitiven Kapazitäten fehlen, sämtliche Informationen zu verarbeiten. Stattdessen treffen wir Entscheidungen, die ausreichend gut erscheinen (satisficing). Darauf aufbauend zeigten Tversky und Kahneman , dass wir unter Unsicherheit häufig auf Heuristiken (mentale Abkürzungen) zurückgreifen. Diese halfen uns einst beim Überleben, führen in modernen Märkten aber zu systematischen Verzerrungen. So neigen wir etwa dazu, in Zufällen Muster zu erkennen, auf kurzfristige Ereignisse überzureagieren oder Vertrautheit mit Sicherheit zu verwechseln. Wenn wir glauben, eine Anlage rational zu bewerten, hat unser Unterbewusstsein das Urteil meist bereits emotional geprägt. Diese automatischen Prozesse sind keine Schwächen, sie haben uns evolutionär geholfen, können uns aber bei Anlageentscheiden systematisch täuschen. Blosses Bewusstsein über diese Mechanismen genügt selten, um sie zu verändern. Wer den Bestätigungsfehler (confirmation bias) kennt, sucht dennoch meist nach Informationen, die die eigene Meinung stützen. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, Systeme zu gestalten, die mit unserer Denkweise arbeiten und nicht gegen sie. Strukturiert aufgebaute Entscheidungsprozesse können helfen, diese automatischen Reaktionen in konstruktive Bahnen zu lenken.
Behavioural-Finance-Emotionen
F2.
Inwiefern ist „gutes“ oder „schlechtes“ Entscheiden eher eine Frage der Umgebung als der Persönlichkeit oder Disziplin?
Der sogenannte Attributionsfehler beschreibt unsere Tendenz, die Fehler anderer auf deren Charakter, die eigenen jedoch auf Umstände zurückzuführen. Wenn eine Kollegin schlecht handelt, zweifeln wir an ihrer Disziplin; wenn wir es tun, geben wir dem Markt die Schuld. Dieses Muster zeigt: Wir verstehen intuitiv, dass Kontext für unser eigenes Verhalten wichtig ist, unterschätzen aber seinen Einfluss bei anderen. Forschungen von Thaler und Sunstein belegen, dass schon kleine Veränderungen im Umfeld, etwa die Reihenfolge von Optionen, Standardwerte oder die Darstellung als Gewinn oder Verlust, erhebliche Auswirkungen haben können, selbst bei Experten. In meiner eigenen Forschung zeigte sich etwa, dass allein die Farbgebung eines Bloomberg-Terminals (Rot statt Grün) die Markterwartungen weniger erfahrener Investoren beeinflussen kann. Persönlichkeit und Erfahrung spielen zwar eine Rolle, doch der Kontext erklärt oft mehr Unterschiede in der Entscheidungsqualität als Temperament oder Willenskraft. Eine kluge Anlegerin in einem lauten, hektischen Umfeld wird tendenziell schlechtere Entscheidungen treffen als eine weniger erfahrene in einer ruhigeren, gut strukturierten Umgebung mit klaren Regeln und längerem Anlagehorizont. Für das Wealth Management bedeutet das: Statt nur mehr Disziplin zu fordern, sollten wir die Entscheidungsumgebung so gestalten, dass sie bessere Entscheidungen begünstigt.
"Wissen allein verändert selten das Verhalten."
- George Loewenstein
F3.
Finanzmärkte lösen oft starke Emotionen aus. Warum fällt es Anlegern so schwer, ruhig zu bleiben, selbst wenn sie es eigentlich besser wissen?
Die Kluft zwischen Wissen und Handeln gehört zu den grössten Rätseln der Verhaltenswissenschaft. Die meisten erfahrenen Investoren wissen, dass sie in Phasen hoher Volatilität diszipliniert bleiben sollten und doch gelingt es nur wenigen . Der Verhaltensökonom George Loewenstein spricht hier vom „hot–cold empathy gap “: Wenn wir ruhig und rational sind (cold state), unterschätzen wir, wie stark Emotionen in einem hot state, also unter Angst oder Euphorie, unser Verhalten beeinflussen. Wir glauben, in einem Börsencrash gelassen zu bleiben, doch sobald Verluste real werden, übernehmen Emotionen das Steuer.
Märkte verstärken diesen Effekt auf mindestens drei Arten:
- Dopamin-gesteuerte Belohnungssysteme werden durch ständige Rückmeldungen aktiviert, ähnlich wie beim Glücksspiel.
- Verluste schmerzen stärker als Gewinne erfreuen (loss aversion).
- Investieren ist sozial, ständige Vergleiche mit Benchmarks oder Peers halten das emotionale Niveau hoch, unabhängig von der absoluten Performance.
Diese emotionalen Reaktionen umgehen oft den bewussten Verstand. Daher setzen erfolgreiche Strategien weniger auf reine Aufklärung, sondern auf strukturelle Schutzmechanismen – etwa, Portfolios seltener zu überprüfen oder vordefinierte Entscheidungsregeln zu aktivieren, wenn bestimmte Bedingungen eintreten. So schützen sich Anleger vor ihren eigenen Impulsen.